Drei Freunde sollt ihr sein

Die Freunde (von links) Serge (Henry Walczyk), Yvan (Christopher Duwenkamp) und Marc (Leon Krug) in der Krise.

Die Freunde (von links) Serge (Henry Walczyk), Yvan (Christopher Duwenkamp) und Marc (Leon Krug) in der Krise.

Kritik der Braunschweiger Zeitung
Von Micahel Völkel
15.Januar 2018

Im Theater Fanferlüsch wird ein weißes Bild zum Knackpunkt einer Freundschaft.

Was halten deine besten Freunde im Detail von dir? Die schonungslose Analyse – ertrüge man das? Und die Frage ist ja auch: Was soll es bringen? In Yasmina Rezas Komödie „Kunst“ zerstört ein Kunstwerk die scheinbare Harmonie von drei Freunden. Ist das Bild, das Serge gekauft hat, komplett weiß? Der Disput darüber mündet in persönliche Kritik und sogar Rangelei.


Das 1994 uraufgeführte Theaterstück ist ein Welterfolg. Auch Braunschweigs Staatstheater und die Komödie am Altstadtmarkt haben es schon präsentiert. In 40 Sprachen wurde es bereits übersetzt – und das, obwohl die Handlung karg und das Bühnenbild reizlos ist.

Das Theater Fanferlüsch setzt die drei Wohnzimmer, in denen die Handlung spielt, so minimalistisch in Szene, dass die Darsteller am Samstag im Roten Saal selbst umbauen. Sofa und Tisch bleiben. Bei Marc liegt eine Decke auf dem Sofa, bei Yvan hängt ein gemalter Schinken an der Wand. Das Umfeld und viel Aktion sind unerheblich. Die Gruppendynamik und die Gespräche sind wuchtig genug.

Marc zündet die Lunte. „Du hast für diese Scheiße 200 000 Franc bezahlt?“, kommentiert er spöttisch. Leon Krug spielt Marc offensiv und energisch, alles hinterfragend. Linien im Kunstwerk? Die Vibration der Monochromie? Ach was. So ein Irrsinn störe ihn in seiner Ruhe, klagt er Freund Yvan. Vor allem verletzt ihn indes, dass er mit Serge nicht darüber lachen kann; dass der die Sache so ernst nimmt.

Dem belesenen, nüchternen Serge (Henry Walczyk) missfällt derweil, dass keine Zärtlichkeit in Marcs Art zu urteilen ist. Ein Lachen, das alles besser weiß, aber auf welcher Grundlage eigentlich? Und der ausgleichende, anpassungsbereite Yvan (Christopher Duwenkamp)? Der hält sich am liebsten raus. Aber zeigt die große Toleranz nicht eigentlich, dass ihm alles egal ist?
In den Gesprächen, inneren Monologen und Erklärungen fürs Publikum entfalten sich vielschichtige Charaktere. Yvan, der kurz vor der Hochzeit steht, entgegnet etwa auf Kritik an seiner Zukünftigen: „Sie hat auch Qualitäten, die ausschlaggebend sind, wenn man einen Kerl wie mich heiratet.“ Marc äußert seine Besorgnis, dass ihm die Freunde entglitten sind. Das Trio-Ensemble (Regie: Nicole Holzhauser) stellt den Konflikt packend dar und lässt die vielen Pointen angenehm beiläufig fallen.

Kunst“ ist eine Parabel über Freundschaft. Verräterisch empfundene Reaktionen, Argwohn, Entfremdung, Bedauern, Machtspiele, Suche nach Verbündeten, Zurückhaltung, um die Freundschaft nicht zu gefährden, Streit über etwas anderes, als man sagt. Es geht um nichts und alles. Fein austariert. Langer, starker Beifall für drei lebensnahe Darsteller.

veröffentlicht am von fanferluesch