|
Pressestimmen
Das Gespenst von Canterville
Mittelalter trifft auf Fun-Generation
Geistvolle Inszenierung: Oscar Wildes Komödie "Gespenst von
Canterville" in der Kulturfabrik
HILDESHEIM. "Ich glaube nur an das, was ich mit diesen beiden Händen
ergreifen kann!" Und doch begeht Sir Simon de Canterville die Unvorsichtigkeit,
seinem liebesgekränkten Freund mehr Glauben zu schenken als
der Treue seiner eigenen Frau. Ein fataler Fehler mit ungeahnten
Folgen, denn rasend vor Eifersucht, ermordet er sein geliebtes Weib
und muss fortan als ruheloser Geist in den eignen Gemäuern
spuken. Erlösung kann nur das liebevolle Verständnis einer
"strahlende Maid" bringen. Doch auf die muss der getäuschte
Edelmann 400 lange Jahre warten.
Mit viel Wortwitz und Charme ist es dem Braunschweiger Regisseur
und Autor Markus Wiegand gelungen, Oscar Wildes Erzählung "Das
Gespenst von Canterville" in modernen Theatergenuss zu verwandeln.
Wilde, der wie kein anderer Geschichten zu erzählen wusste,
in denen er nur zu gern mit kritisch ironischem Blick die Gesellschaft
des 19. Jahrhundert aufs Korn nahm, hätte seine helle Freude
gehabt an dem satirischen Blickwinkeln Wiegands.
Unterstützt durch die hoch motivierte Truppe des "Theaters
Fanferlüsch", lässt Wiegand Geisteshaltungen auf einander
treffen, die unterschiedlicher nicht seinen können: Mittelalter
versus "Fun-Generation".
Nur wenige Requisiten sind nötig, um dem Theatersaal der Kulturfabrik
den nötigen Charme zu verleihen: Kaminsims mit Ölschinken,
von vierflammigen Kerzenleuchtern in schummriges Licht getaucht,
ein lange Tafel mit Damasttuch und Silberbesteck nebst englischem
Butler wunderbar arrogant blasiert interpretiert von Volker
Wolf machen die Szenerie perfekt. Voller Spannung erwartet
man hier das Eintreffen der "Amerikaner", die das alte Anwesen samt
Geist retten sollen. Als diese dann mit viel Lärm und aufgeklärten
Geschwafel einfallen, ist eines schnell klar: Mit der vornehme Ruhe
ist es nun auf Schloss Canterville endgültig vorbei.
Furiose Regie-Einfälle wie ein Schwertkampf à la Errol Flynn
oder Hard-Rock-Persiflagen mit Discofeeling machen die Inszenierung
zu einer Komödie mit Geist und Action, bei der das Publikum
oft minutenlang nicht aus dem Lachen heraus kommt. Besonders wenn
Nikolai Radke und Tobias Tank als coole "Max und Moritz"-Version
der Fun-Generation einen Gag nach dem nächsten servieren.
Aber auch die feinfühlige Liebesgeschichte zwischen Virgina
Ottis überzeugend Verena Niesmann und Sir Cantervilles
Widersacher George Malvosin, dem letzten Nachfahren seines verräterischen
Freundes, lässt wohl niemanden unberührt. Auch wenn ihre
"Bühnenbrüder" nicht mit Spott sparen. Schauspielerische
Höhepunkte des Stücks sind ohne Frage die Auftritte Sir
Simon de Cantervilles, der durch Carsten Schrödter eine eindrückliche
Persönlichkeit gewinnt. Ob als ketzerischer Edelmann, als trunkener
Raufbold oder Philosoph der Liebe, immer bleibt Schrödter glaubhaft
und überzeugend und zwar ohne lästige Übertreibungen.
Wenn schließlich nach zweieinhalb Stunden Liebe und Verständnis
siegen und endlich Ruhe einkehrt in Schloss Canterville, ist der
begeisterte Schlussapplaus des Publikums wohl verdienter Lohn für
geistvolle Unterhaltung. aus
(c) Archiv
Hildesheimer Allgemeine Zeitung
|
|